Wir, Ann-Marie und Andrew, sind durch unseren Sohn Liam vegan geworden.

Dass wir unser Kind dazu erziehen würden, bestimmte Tiere zu streicheln und andere zu essen, wäre uns sowieso nicht in den Sinn gekommen, dies entspricht nicht mal im Ansatz unserem Verständnis von rationalem und verantwortungsbewusstem Verhalten. Doch die Auseinandersetzung damit, wie wir Liam die Welt erklären werden, und die Frage, welche Welt wir uns für ihn wünschen, hat uns deutlich vor Augen geführt, dass wir auch als Vegetarier ein Konsumverhalten an den Tag legen, das mit unseren Werten absolut nicht vereinbar ist.

Ich war 20 Jahre lang Vegetarierin, bevor ich auf vegan umgestellt habe, und kann mir heute überhaupt nicht mehr erklären, wieso ich mich nicht schon viel früher sehr viel intensiver mit dem ganzen Thema beschäftigt habe. Ich wusste natürlich, dass Kühe nicht lila sind und auch, dass sie nicht einfach so Milch geben und dass sich hinter dem Begriff Eintagsküken etwas Schreckliches verbirgt, wollte mir aber wohl einfach nicht bewusst machen, dass ich durch meinen täglichen Konsum ganz direkt für das Leiden mitverantwortlich bin, das mit der „Produktion“ von Milch, Eiern etc. verbunden ist. Hat sich das schlechte Gewissen doch mal geregt, habe ich mich damit getröstet, dass ich es als Vegetarierin ja zumindest schon „besser mache“ als die meisten anderen, und bin öfter als sonst im Bioladen einkaufen gegangen, das war’s dann aber auch. Letztlich war ich wohl einfach zu bequem, um etwas zu ändern, und habe bestimmte Dinge daher gar nicht erst groß hinterfragt. Doch als wir in die Elternrolle katapultiert wurden und um Fragen wie „Wofür stehen wir eigentlich, was wollen wir unserem Sohn vorleben?“, „Wie würde die Welt aussehen, wenn alle so konsumieren bzw. leben würden wie wir?“ etc. nicht mehr herumkamen, war ein solches Verhalten endgültig keine Option mehr. Also fingen wir an, uns eingehend darüber zu informieren, was unser Konsum eigentlich für die Um- und Mitwelt bedeutet, kochten immer öfter tierproduktfrei und beschäftigten uns immer intensiver mit der veganen Ernährung. Das würde ich übrigens wirklich jedem raten, der auf vegan umstellen möchte, und zwar nicht, weil es so kompliziert ist, sich ohne Tierprodukte gesund zu ernähren, sondern einfach weil diese Ernährungsform relativ stark von der aktuellen Mainstream-Ernährung abweicht. Wer von klein auf darauf konditioniert wurde, bestimmte Tiere als Lebensmittel/-produzenten zu betrachten, und mit den Märchen der CMA von der gesunden Milch etc. aufgewachsen ist, der muss sich halt erst mal mit der Faktenlage vertraut machen und herausfinden, wie man seinen Nährstoffbedarf als vegan lebender Mensch deckt. Glücklicherweise findet man heute (nicht nur, aber eben auch) online alle Informationen, die man für die Umstellungsphase und das vegane Leben braucht. Wir waren uns allerdings gar nicht bewusst darüber, dass wir uns in einer Umstellungsphase befanden. Irgendwann hörten wir auf, mit tierischem Lab hergestellten Käse zu kaufen (den wir immer noch ganz selbstverständlich konsumiert hatten, obwohl er ja nicht mal vegetarisch ist), beschlossen dann, komplett von Tiermilch (genauer: Kuhmilch) auf Pflanzenmilch (genauer: hauptsächlich Hafer-, Reis- und Mandelmilch, unsere Favoriten) umzusteigen … und näherten uns so in vielen kleinen Schritten dem veganen Leben, ohne dass wir das als Ziel angepeilt hätten. Im Rückblick war das ein ganz organischer Prozess mit der Gleichung „größere Offenheit für Informationen = mehr Wissen = bewussterer Konsum in Richtung tierproduktfreie Ernährung“, der schließlich in der Entscheidung mündete, vegan zu leben bzw. so weit wie möglich aus einem System auszusteigen, das auf Ausbeutung und Leid basiert und ohne Gewalt gar nicht denkbar ist („so weit wie möglich“, weil man als vegan lebender Mensch in einer unveganen Welt natürlich immer wieder an Grenzen stößt).

Heute essen wir besser, gesünder und abwechslungsreicher als je zuvor (was vor allem daran liegt, dass ich jetzt als Mutter sehr viel häufiger, sehr viel einfallsreicher und sehr viel bewusster koche als früher) und können beide nicht mehr nachvollziehen, dass wir irgendwann auch mal zu denen gehörten, die eine vegane Ernährung mit Verzicht assoziieren.

Veganismus ist konsequent gelebter Vegetarismus und die einfachste und bei Weitem effektivste Art, im Alltag Menschen-, Tier- und Umweltschutz zu betreiben – und das war uns im Grunde schon vorher klar. Trotzdem haben wir jahrelang eigentlich offensichtliche, aber eben unangenehme Wahrheiten ignoriert. Die Entscheidung, nicht länger mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen, hat dazu geführt, dass wir uns nun generell sehr viel mehr Gedanken darüber machen, wofür wir Geld ausgeben bzw. welche Unternehmen wir durch unseren Konsum unterstützen möchten. Konkret heißt das, dass wir häufig in rein (vegetarisch-)veganen Läden einkaufen und in (vegetarisch-)veganen Restaurants essen (was in Berlin ja nicht schwer ist, hier gibt es zum Glück eine tolle Auswahl) und allgemein nachhaltiger konsumieren, also zum Beispiel auch bei Kleidung stärker auf umweltfreundliche und faire Produktionsbedingungen achten.

Unsere Website

In den letzten Jahren hat sich in puncto Vegetarismus/Veganismus viel getan und dennoch finden wir uns als junge Eltern ab und zu in Situationen wieder, in denen es von anderen Eltern als außergewöhnlich empfunden wird, dass wir als Familie „anders“ essen. Daher dachten wir uns irgendwann, dass es ganz praktisch wäre, in solchen Gesprächssituationen auf einen Text verweisen zu können, der alle wesentlichen Argumente für eine fleischfreie Ernährung relativ kurz erläutert und die Zielgruppe „(werdende) Eltern“ explizit anspricht. Zu unserer großen Überraschung haben wir bei unserer Online-Suche jedoch keinen solchen Text gefunden … und daher kurzerhand selbst eine Website erstellt.

Unser Ziel ist es, Eltern dafür zu sensibilisieren, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, ihre Kinder fleischfrei zu erziehen, und zwar unter den Aspekten Gesundheit, Erziehung, Umwelt- und Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit/Welthunger und Ethik/Moral. Die Website richtet sich in erster Linie natürlich an Eltern, die noch nicht vegetarisch leben (unser Fokus liegt auf dem Fleischkonsum bzw. der fleischfreien Ernährung), sie ist aber auch ein Tool für vegetarische und vegane Eltern, die keine Lust haben, immer das Gleiche zu sagen, wenn sie gefragt werden, warum sie ihre Kinder nicht dazu erziehen, Tiere zu essen, oder die ihren Standpunkt klar machen wollen, auch wenn die Frage nicht gestellt wird. Auf einen Text zu verweisen anstatt sich auf jedes Gespräch einzulassen, hat auch den Vorteil, dass man seinem Gegenüber so die Gelegenheit gibt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, ohne sich in einem persönlichen Gespräch möglicherweise unter Druck gesetzt zu fühlen. Wir sehen es so: Wer das Thema partout ignorieren will, der schaut sich die Website sowieso nicht an, wer das aber tut und danach darüber sprechen möchte, der ist uns immer herzlich willkommen. Es geht also nicht darum, Gesprächen auszuweichen, sondern darum, eine gute Grundlage für Gespräche zu schaffen.

Kinder zwingen uns als Eltern dazu, uns mit bestimmten Themen (näher) auseinanderzusetzen bzw. bestimmte Verhaltensweisen und Zusammenhänge kritisch(er) zu hinterfragen. Wer weiß, ob wir den eigentlich so logischen Schritt vom Vegetarismus zum Veganismus überhaupt gemacht hätten, wenn wir nicht Eltern geworden wären. Wir sind unserem Sohn jedenfalls sehr dankbar dafür, dass er uns die Widersprüche zwischen unseren Werten und unserem Verhalten aufgezeigt hat. Und wir sind stolz darauf, ihm heute vegane Vorbilder zu sein und ihn dazu zu erziehen, Dinge zu hinterfragen und Respekt vor sich selbst und vor anderen zu haben, sich also gesund zu ernähren und Verantwortung für die Um- und Mitwelt zu übernehmen. Das macht uns zwar weder zu perfekten Konsumenten noch Eltern (die gibt es ja sowieso nicht), stellt aber auf jeden Fall einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar.

Danke, Liam!

Ann-Marie Orf & Andrew Bryden