Dr. Petra Bracht ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren und arbeitet seit 34 Jahren in ihrer eigenen Praxis in Bad Homburg. Seit mehr als 25 Jahren ernährt sie sich hauptsächlich pflanzlich. Unter ihren Patienten befinden sich auch einige vegetarisch-vegane Familien. Im Interview mit dem VEBU berichtet sie aus medizinischer Sicht von ihren Erfahrungen in puncto vegane Ernährung und Gesundheit.

Wie haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag mit dem Thema vegane Kinderernährung zu tun und mit welchen Fragen kommen vegane Eltern auf Sie zu?

Ich arbeite hauptsächlich mit pflanzenbasierter Ernährungsmedizin. Es gibt wohl kaum ein Krankheitsbild, das ich nicht im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit als Allgemeinmedizinerin gesehen und bei dem ich nicht auch festgestellt habe, dass die Ernährungsmedizin einen unglaublich großen Einfluss auf Krankheitsverläufe und Heilungsprozesse haben kann. Es ist sehr spannend, wie erfolgreich die pflanzliche Ernährung kranke Menschen dabei unterstützen kann, wieder gesund zu werden. Ich leite meine Patienten an, sich umfangreiches Wissen anzueignen, damit sie selbst viel für ihre Gesundheit tun können – ganz nach dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.

Viele vegane Eltern kommen zu mir, um sicherzugehen, dass ihre Kinder keine Mangelerscheinungen haben, weil sie manchmal gerade durch ihr Umfeld verunsichert werden. Die veganen Kinder, die ich kenne, sind aber unglaublich fit und lebhaft. Im Übrigen sind das interessanterweise häufig auch die Kinder, die in der Schule am seltensten krank sind.

Wie gut sind vegane Eltern über die Nährstoffversorgung bei einer pflanzlichen Ernährung informiert?

Mein Eindruck ist, dass sich vegane Eltern viel intensiver mit der Ernährung auseinandersetzen als andere Eltern. Es gibt leider unglaublich viele Kinder in Deutschland, die übergewichtig oder sogar adipös, also krankhaft fettleibig sind. Deren Eltern setzen sich eher weniger mit dem Thema Ernährung auseinander. Das Spannende ist, dass sich sehr viele, gerade ältere Kinder von ganz allein für pflanzliche Alternativen entscheiden. Außerdem handeln vegane Eltern teils nach dem Prinzip „Home-Veganer“: Zu Hause gibt es frisches, ausgewogenes veganes Essen und wenn man unterwegs ist oder bei einem Geburtstag eingeladen wird, dann werden auch mal Ausnahmen gemacht.

Wie können Eltern bei Babys und Kleinkindern eine vollwertige pflanzliche Ernährung sicherstellen?

Für mich ist ganz klar: Stillen ist die Nummer eins. Ich empfehle, Säuglinge 9–10 Monate voll zu stillen. Wenn die Kinder schon früher das Verlangen haben, mitzuessen, dann gern auch das, was bei den Erwachsenen auf dem Teller liegt. Ich habe meinen Kindern zum Beispiel mit einem Pürierstab Obstbrei gemacht und auch Gemüse je nach Saison zugefüttert. Ob Vollwertreis, Avocado oder Süßkartoffel: Wenn das Essen abwechslungsreich gestaltet wird, ist kein Kind mangelernährt. Man sollte früh genug damit anfangen, den Kindern ganz viel rohes, frisches Obst und Gemüse anzubieten – in Form von Smoothies zum Beispiel. Kinder mögen das unheimlich gern und es ist wichtig, sie an diese Kost heranzuführen. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Eltern mitziehen.

Nur eine Nahrungsergänzung braucht es, das ist Vitamin B12, für Kinder entweder in Form von Tropfen oder als Spray. In den Wintermonaten muss man unbedingt auch Vitamin-D3-Tropfen dazugeben. Aber ich möchte ganz klar betonen: Diese beiden Vitamine sind nicht nur für Veganer wichtig, sondern für alle Menschen! Ich kann aus meiner Praxiserfahrung sagen, dass bestimmt 30 % meiner omnivoren Patienten einen Vitamin-B12-Mangel haben und nahezu jeder von einem Vitamin-D-Mangel betroffen ist.

Welche Untersuchungen empfehlen Sie veganen Schwangeren, Stillenden und deren Kindern?

Auf jeden Fall würde ich mir als Ärztin die wichtigen Vitalstoffe anschauen wollen, also unter anderem die Vitamine B12 (besser in Form von Holotranscobalamin) und B3, D3 sowie Folsäure. Ebenso Mineralien wie Magnesium, Kalium, Eisen und Jod. Allerdings sollte die Untersuchung auf Mineralien mit Vollblut durchgeführt werden anstatt mit Serum.

Welche Rolle spielt das Thema Ernährung in der Ausbildung von Ärzten?

Als ich vor 40 Jahren studiert habe, war Ernährung überhaupt kein Thema. Die einzige Frage in unserem Studium, an die ich mich jetzt spontan erinnere, war: Welche Vitamine sind giftig für den Menschen, wenn sie überdosiert werden? Uns wurde außerdem vehement beigebracht, dass insbesondere Frauen sehr viele Milchprodukte essen sollten – ansonsten gab es nichts, was bezüglich der immensen Bedeutung für unsere Gesundheit durch richtige Ernährung gelehrt wurde. Das Fatale ist, dass es in der medizinischen Ausbildung heute noch genauso ausschaut. Es gibt kein Fach „Ernährungsgrundwissen“, das ist absurd! Ich sehe eine große Kluft zwischen Ernährungswissenschaften und Medizin und ich verstehe nicht, dass es zwischen diesen Disziplinen an den Universitäten nach wie vor keine richtige Verbindung gibt. Wir leben von dem, was wir essen – Ernährung ist eine Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben. Ernährungsmedizin müsste deshalb in der medizinischen Ausbildung intensiv beachtet werden.

Ich wünsche mir, dass junge Ärzte nachkommen, die ein Bewusstsein für pflanzliche Ernährung haben. Denn der Bedarf und die Nachfrage aus der Bevölkerung ist groß, jemanden zu finden, der kompetent in Ernährungsfragen und gleichzeitig ein guter Arzt ist.

Vielen Dank, Frau Dr. Bracht, für das Interview!

 

Gesundheitstipps erhalten Sie auf dem YouTube-Kanal von Frau Dr. Bracht und in ihrem Buch „No-Fat-Cookbook – Über 110 Rezepte mit grüner Pflanzenpower und gesunden Kohlenhydraten“, das sie gemeinsam mit Gabriele Lendle geschrieben hat (Trias 2017, 140 Seiten, 17,99 €, ISBN 9783432102689).